
Im globalen Energiesystem wird die Kernkraft auch in Zukunft nur eine begrenzte Rolle spielen. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes und nennt als Gründe insbesondere die hohen Stromgestehungskosten und langen Bauzeiten neuer Reaktoren. Um die Erderwärmung schnell und kostengünstig zu bremsen, seien Wind- und Solarenergie die wirksamere Option.
»Wer Klimaschutz ernst nimmt, muss vor allem auf Technologien setzen, die schnell verfügbar, bezahlbar und in einem erneuerbaren Stromsystem gut integrierbar sind«, sagt Dr. Christoph Pistner, Leiter des Bereichs Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Öko-Institut. Neue Kernkraftwerke seien allerdings teuer, ihre Inbetriebnahme dauere sehr lange und sie passten nur schlecht in ein Energiesystem, das künftig stark von Wind- und Solarenergie geprägt sein werde. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die das Öko-Institut im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) durchgeführt hat.
Für die Analyse wertete das Forschungsteam mehrere globale Energieszenarien aus, die das Erreichen der Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts zum Ziel haben. In allen diesen Szenarien steigt der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung massiv an und liegt 2050 je nach Ausbaupfad zwischen 70 und 100 Prozent; Kernkraft dagegen verharrt trotz niedriger CO2-Emissionen bei einem Anteil zwischen null und neun Prozent. Selbst ambitionierte Ausbaupläne einzelner Länder, die für die Studie ebenfalls ausgewertet wurden, führten nicht zu einer globalen Renaissance der Kernenergie.
Eine der Hauptursachen dafür ist die schlechte wirtschaftliche Bilanz neuer Kernkraftwerke, besonders in Ländern mit westlichen Sicherheitsstandards: In Europa etwa lagen die Kosten für Strom aus neuen Reaktoren, gerechnet über die gesamte Lebensdauer einer Anlage, im Jahr 2020 bei durchschnittlich 17 Cent pro Kilowattstunde. Das ist etwa viermal so hoch wie der europäische Durchschnittswert für Windenergie an Land aus demselben Jahr. Für 2030 geht die Analyse sogar von weiter gestiegenen Kosten für neue Kernkraftwerke aus, was ein Blick auf die jüngsten Neubauprojekte bestätigt. So hatten schon die nach 2020 in Betrieb gegangenen Reaktoren in Finnland und Frankreich mit enormen Bauverzögerungen und Kostensteigerungen zu kämpfen. Und auch das derzeit im Bau befindliche britische Kraftwerk Hinkley Point C mit zwei Reaktoren wird deutlich teurer und später fertig als geplant.
Wie »The Guardian« und das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) berichten, musste der französische Betreiber EDF die Fertigstellung des ersten Reaktors von Hinkley Point C im Februar erneut verschieben – auf nun voraussichtlich 2030, fünf Jahre später als ursprünglich vorgesehen. Die Bauzeit verlängert sich damit auf mindestens 13 Jahre, und das zu erheblich gestiegenen Kosten: Gingen die Schätzungen anfangs noch von umgerechnet etwa 21 Milliarden Euro aus, sind es heute bereits geschätzte 55 Milliarden Euro. Das Projekt zeigt damit beispielhaft, wie schwer Kosten und Bauzeiten solcher Kraftwerke unter heutigen Sicherheitsanforderungen zu kalkulieren sind.
Hinzu kommt: Für ein nachhaltiges Stromsystem, das auf erneuerbaren Energien basiert, ist Kernkraft laut UBA-Studie nur begrenzt geeignet. Denn die Erzeugung von Wind- und Solarenergie schwankt im Tages- und Jahresverlauf und benötigt zum Ausgleich flexibel steuerbare Anlagen. Kernkraftwerke aber seien auf eine möglichst hohe Auslastung angewiesen; ein flexibler Betrieb würde ihre ohnehin hohen Stromerzeugungskosten weiter erhöhen. Auch die sogenannten kleinen modularen Reaktoren (SMR), die aufgrund von industrieller Vorfertigung mit kürzeren Bauzeiten und weniger Kapitalrisiko punkten sollen, würden daran so schnell nichts ändern, hätte doch bis 2025 noch kein SMR-Konzept die kommerzielle Reife erreicht. Die Kostenschätzungen ihrer Entwickler stufen die Forschenden daher als spekulativ ein; zudem basierten sie auf Stückzahlen, die sich bisher nirgends realisiert hätten. Ein schneller Beitrag zu den globalen Klimaschutzbemühungen vor 2040 sei daher auch von dieser Technologie nicht zu erwarten. Für Dr. Christoph Pistner vom Öko-Institut steht deshalb außer Frage, dass erneuerbare Energien die zentrale Säule eines klimaneutralen Stromsystems bleiben.